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4. Welche Corona-Maßnahmen müssen Betriebe jetzt ergreifen? Wichtige Tipps zu Corona-Schnelltests und Co. von Betriebsarzt Dr. Rainer Luick

Stand des Interviews: 31.03.2020

Im Interview gibt Betriebsarzt und Gesellschafter des Gesundheitsdienstleisters MEDISinn Dr. Rainer Luick Unternehmen Handlungsempfehlungen für Betriebe in der Corona-Krise.

Welche besonderen Herausforderungen müssen Unternehmen in der Corona-Krise meistern?

"Das größte Problem ist, dass niemand weiß, wie lange die Krise dauern wird. Die Dauer der Ausgangsbeschränkungen hat extreme wirtschaftliche Auswirkungen. Viele Firmen, für die ich als Betriebsarzt tätig bin, arbeiten gerade mit Hochdruck daran, Pandemiepläne zu erstellen oder umzusetzen. Wichtig ist es vor allem, jetzt zu planen, was passiert, wenn die Mitarbeiter wieder an ihren Arbeitsplatz zurück können. Eine Empfehlung, die ich gebe, sind Schnelltests, die wir von MEDISinn jetzt aktuell für Betriebe anbieten. Sie schaffen rasch Klarheit: Mitarbeiter erfahren innerhalb von zwanzig Minuten nach dem Test, ob sie mit dem Coronavirus infiziert sind oder waren. Diese Corona-Schnelltests können im Betrieb vor Ort durchgeführt werden, um festzustellen, wer immun ist. Das bedeutet, dass für ihn und andere keine Infektionsgefahr mehr besteht. "

Viele haben keine Pandemiepläne, insbesondere kleinere Betriebe und die wirtschaftlich so wichtigen Mittelständler. Was sind jetzt die wichtigsten Schritte für diese Firmen?

"Das wichtigste bei einem Pandemieplan ist natürlich, vorbereitet zu sein. Vor allen Dingen müssen Betriebe rechtzeitig Zuständigkeiten und Ansprechpartner festlegen. Das heißt, wer ist für was zuständig und wer entscheidet was? Für jede zentrale Funktion wie etwa den CFO braucht man außerdem mindestens eine Vertretung. Dann ist es wichtig, die Mitarbeiter rechtzeitig zu informieren, damit sie Bescheid wissen, welche Maßnahmen geplant sind. Denn natürlich fragen sie sich: Was kommt da noch auf uns zu? Unternehmen sollten sich jetzt dringend von Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit beraten lassen. Die Mitarbeiter sollten über das hygienische Verhalten am Arbeitsplatz informiert werden. Da sind die üblichen Maßnahmen, die wir aus der Presse kennen, aber es gibt natürlich auch arbeitsplatzspezifische Verhaltensmaßnahmen, die kommuniziert werden müssen. Zum Beispiel: Wo dürfen die Mitarbeiter essen, wenn die Kantine schließt? Hier müssen Firmen Alternativlösungen finden und organisieren. Auch Schutzmaßnahmen wie das Social Distancing müssen eingehalten werden. Betriebe müssen die dafür nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Wo möglich, sollten Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Das wird natürlich in produzierenden Betrieben schwierig, denn diese können ihre Fließbänder ja nicht zu den Arbeitnehmern vor die Couch bringen. Hier bietet es sich zum Beispiel an, in den Schichtbetrieb überzugehen, so dass die Mitarbeiter besser die notwendigen Abstände einhalten können. Pandemiepläne müssen auch regelmäßig aktualisiert werden. Einige Betriebe haben ja solche, etwa aus der Vogelgrippezeit, und müssen sie jetzt schnellstmöglich aktualisieren!"

Was ist zu beachten, wenn ein Mitarbeiter am Arbeitsplatz erkrankt und der Verdacht auf Corona besteht?

"Wenn ein Mitarbeiter während der Arbeit Symptome eines Atemwegsinfekts bekommt und sich krank fühlt, steigt in der jetzigen Situation die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen COVID-19-Infekt handelt. Schicken Sie daher den Mitarbeiter sofort nach Hause und fordern Sie ihn auf, seinen Hausarzt anzurufen. Dieser wird dann abklären, ob der Verdacht auf eine Corona-Infektion besteht und ordnet dementsprechend weitere Schritte an. Solange Corona nicht sicher ausgeschlossen ist, sollte der betroffene Mitarbeiter mindestens 14 Tage zu Hause bleiben. Sein Arzt wird ihn entsprechend lange krank schreiben. Anders bei Kollegen, die in Kontakt zu einem Corona-Infizierten standen: Sie muss der Arbeitgeber nach Hause schicken, denn Gesunde darf der Arzt nicht krank schreiben. In diesem Fall bekommt der Arbeitgeber eine Kostenerstattung von den Gesundheitsbehörden gemäß dem Infektionsschutzgesetz. Beantragen Sie dafür einen Ausgleich bei Ihrem zuständigen Gesundheitsamt."

Nehmen wir an, es gibt im Unternehmen einen konkreten Verdachtsfall auf Corona und der betroffene Mitarbeiter hat noch kein Testergebnis. Welche Kollegen sollten ebenfalls nach Hause geschickt werden?

"Das würde ich von Fall zu Fall individuell entscheiden, je nach Infektionswahrscheinlichkeit. Arbeiten etwa beide Ehepartner im selben Unternehmen, ist die Infektionsgefahr natürlich viel höher, als wenn ein Infizierter letzte Woche seinen Nachbarn beim Bäcker getroffen hat und befürchtet, ihn mit Corona angesteckt zu haben. Als Faustregel gilt: Je mehr und länger es zwischen Kollegen körperlichen Kontakt und räumliche Nähe gab, desto wichtiger ist es, die Kollegen aus dem näheren Umfeld eines Verdachtsfalls ebenfalls für 14 Tage nach Hause zu schicken und testen zu lassen. Der Betrieb sollte den Mitarbeiter auf jeden Fall bitten, ihm das Testergebnis mitzuteilen. Alle Kollegen im Umkreis sollten über den Verdacht, die Bestätigung oder die Entwarnung laufend informiert werden."

Was empfehlen Sie, wenn es einen bestätigten Corona-Fall im Unternehmen gibt?

"Wenn ein Mitarbeiter sich derzeit krank meldet, sollte man ihn immer bitten, mitzuteilen, ob ein Verdacht auf Corona besteht und der Hausarzt weitere Schritte eingeleitet hat, etwa einen PCR-Test. Bestätigt sich ein Verdacht auf COVID-19, sollten unbedingt alle, die mit dem Erkrankten in einem Raum arbeiten, auch für 14 Tage nach Hause geschickt werden und sich ebenfalls testen lassen. Die Arbeitsumgebung sollte umgehend gründlich desinfiziert und gelüftet werden. Bieten Sie betroffenen Kollegen auf jeden Fall auch an, das Thema mit dem Betriebsarzt zu besprechen, damit dieser Ihnen falsche Ängste nehmen kann. Kleine Unternehmen, die keinen Betriebsarzt haben, sollten andere kompetente Hilfe anbieten, etwa über einen niedergelassenen Arzt und eine externe psychologische Beratung."

Bei wem liegt die Meldepflicht an das zuständige Gesundheitsamt?

"Unternehmen haben für Corona keine Meldepflicht an das jeweilige Gesundheitsamt, denn diese liegt beim zuständigen Arzt und dem entsprechenden Labor. In der Regel wird dann das Gesundheitsamt das Unternehmen über erkrankte Mitarbeiter informieren. Derzeit sind die Gesundheitsbehörden jedoch so überlastet, dass sich Arbeitgeber und -nehmer am besten direkt austauschen sollen."

Wie vermeiden Betriebe Panik bei ihren Arbeitnehmern?

"Das Unternehmen sollte seinen Mitarbeitern ein regelmäßiges Update zum derzeitigen Zustand geben: Haben wir schon Fälle von COVID-19 oder nicht? Die goldene Regel: Kommunizieren Sie offen und ehrlich mit Ihren Mitarbeitern! Der Arbeitgeber sollte außerdem seiner Fürsorgepflicht entsprechend kommunizieren. Weisen Sie beruhigend darauf hin, was das Unternehmen zum Schutz der Arbeitnehmer vor Corona tut und was die Mitarbeiter selbst noch tun können. Mitarbeiter sollten wissen, dass sie im Verdachtsfall mit dem Betriebsarzt sprechen können und bei Sorgen und Ängsten etwa mit einem Psychologen."

Was empfehlen Sie in der derzeitigen Lage für Einschränkungen in Betrieben?

"Bieten Sie Homeoffice an, wann immer möglich! Je weniger Menschen sich treffen, umso schneller werden wir diese Krise überwinden. Dort, wo kein Arbeiten von zu Hause aus möglich ist, müssen entsprechende Abstände eingehalten werden. Weisen Sie außerdem regelmäßig aufs Händewaschen hin. Das ist noch wichtiger als Desinfizieren, da Seife die Proteinhülle des SARS-CoV-2-Virus inaktiviert. Händewaschen reicht also völlig aus. Aber man muss es tun. Masken bieten keinen sicheren Schutz, können aber evtl. psychologisch beruhigen. Trotzdem muss der Abstand immer eingehalten werden. Es gibt Studien, die belegen, dass Masken, selbst die teuren FFP3-Masken, nicht vor einer Corona-Infektion schützen."

Ihre Einschätzung: Wie lange wird die Corona-Krise deutsche Betriebe in Schach halten?

"Das kommt darauf an, wann der Impfstoff gegen Corona kommt und wie gut die Ausgangsbeschränkungen gegen die Ausbreitung von COVID-19 wirken. Ein spezielles Medikament gegen Corona wird es wahrscheinlich nicht so schnell geben. Bisherige Untersuchungen mit antiviralen Medikamenten wie dem Malariamittel Chloroquin oder einer Grippe-Arznei aus Japan haben bisher leider im Einsatz gegen Corona sehr enttäuschende Ergebnisse gebracht. Oft haben diese Mittel auch sehr viele Nebenwirkungen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es den Impfstoff eventuell etwas früher gibt, als derzeit angenommen. Etwa, wenn die Zulassungsverfahren beschleunigt werden. Aber es gibt auch da keine Garantie. In der Regel sind Epidemien und auch Pandemien selbstlimitierend. Zum Beispiel begünstigt die kalte Jahreszeit das Influenzavirus. Sobald die Temperaturen steigen, weniger geheizt wird und die Luftfeuchtigkeit zunimmt, entlastet das die Atemwege. Die Schleimhäute sind weniger rissig und Viren haben weniger Chancen. Sie finden kaum Wirte und verbreiten sich nicht weiter. Das hoffen wir jetzt auch für die Corona-Pandemie und es gibt ja auch Zeichen, dass die drastischen Maßnahmen wirken. Meine Hoffnung ist, dass sich die Lage schon normalisieren wird, bevor es einen Impfstoff gibt. Wirtschaftliche Einschränkungen, etwa beim internationalen Flugverkehr, wird es aber noch länger geben und Betriebe müssen sich darauf einstellen."

Gibt es aus Ihrer derzeitigen Erfahrung Best Practices für Unternehmen?

"Wenn Industrieanlagen am Laufen gehalten werden müssen oder sich zentrale Meetings nicht aufschieben lassen, würde ich Schnelltests für alle Beteiligten empfehlen. Unternehmen können sich selbst darum kümmern, haben dann schnell Sicherheit und entlasten ihren Betrieb wirtschaftlich und ihre Mitarbeiter gesundheitlich. Sobald Menschen vor Ort im Unternehmen aufeinander treffen, sollte man solche Antikörpertests in Betracht ziehen, um Ansteckungen auszuschließen. Auch, sobald die Produktion wieder starten soll, helfen Schnelltests, neue Infektionsherde auszuschließen. Sie werden jetzt auch in Fabriken in Italien und China durchgeführt. Diese Tests bringen viel schneller Ergebnisse als PCR-Tests. Und: Sie zeigen an, ob ein Mitarbeiter inzwischen immun ist gegen das Coronavirus. Infrage kommen auch Apps, mit denen die Mitarbeiter ihren Gesundheitszustand dokumentieren können. Mit diesen Informationen lassen sich zum Beispiel auch Einlasskontrollen bei Werken besser organisieren. All das sollten Unternehmen jetzt planen."